Marco -- in den besten Haaren

"Wuff,wuff", hallo!
Ich wollte mich nur verabschieden. Viele kennen mich vom Flohmarkt und hatten nach mir gefragt.

Am 18. Mai 2006, da war ich schon mindestens 13 Jahre alt, habe ich mich entschieden bei der Himmelspforte für Hunde anzuklopfen. Mein Herrchen hat mich noch begleitet und mir solange das Ohr gestreichelt, das ich so gerne mag, bis die Himmelstür für mich geöffnet wurde. Dann haben wir uns verabschiedet, und nun gehen wir wieder unsere eigenen Wege. Ich hier oben und er da unten.


Immerhin waren 12 Jahre eine lange Zeit, und keinen Tag waren wir voneinander getrennt. Manchmal ließen sich lange Stunden des Wartens nicht vermeiden. Aber wenn ich dann sein Auto hörte, war ich sofort zur Stelle, um meine Streicheleinheiten abzuholen. Dann war die Welt wieder in Ordnung.

Kennengelernt haben wir uns im Tierheim Straubing. Jeder war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich war dort schon viele Monate, weil mich mein erstes Herrchen dort abgegeben hatte. Ich war zu oft mit einem Satz über den Zaun. Dabei ging ich so gerne spazieren, war auf alles neugierig und mochte alle Menschen und Hunde.

Aber wer hat schon Zeit für einen Husky? Und wer läßt mich nicht den ganzen Tag alleine?

Und dann kam mal einer vorbei, der suchte eigentlich für jemand anderen einen Dackel. Einen Dackel gab es nicht für ihn, aber wir gingen nur mal so miteinander spazieren. Das lag wohl daran, daß wir sehr auf einer Linie lagen. Ich komme aus dem Norden, er verreist gerne in den Norden. Ich komme aus der Natur, er ist gerne in der Natur. Ich habe mein Aussehen für Unabhängigkeit und Weite, er dafür seinen VW Bus.
Jedenfalls kam der Typ wieder, machte mit mir erneut einen Spaziergang, und wir rannten um die Wette. Ich habe gewonnen. Beim dritten Besuch zum gemeinsamen Spazierengehen beginnt er mich zu drücken, ich halte still und gucke ihm direkt in die Augen. Für andere Hunde ist das immer bedrohlich, aber von nun an reden wir miteinander, ohne die gleiche Sprache zu haben. Das blieb auch später so. Ich guckte ihm solange direkt in die Augen, bis er mich verstanden hatte.

Schließlich vergehen elend lange 4 Wochen und niemand läßt sich blicken. Also hänge ich faul in meinem Tierheimzwinger und belästige meinen Leidensgenossen. Und dann ist er wieder da! Ich sofort an den Zaun und erstmal die Pfote durchgehangelt. Das macht sich bei den Menschen immer gut. Wie ich später erfahren hatte, wollte er gar keinen Hund. Aber ich hatte ihm so in die Augen geschaut, daß er zu sich sagte, wenn ich nach 4 Wochen immer noch da bin, dann nimmt er mich mit.
Ich war noch da!
Nun kam ich endlich nach vielen Monaten raus. Das war Hundeglück und für ihn sicherlich auch.

Wie sich die Menschen eine lebenslange Verbindung wünschen. Sich angucken, verlieben, sich gut riechen können und für den Rest des Lebens glücklich zusammen sein. Bei mir war das jedenfalls so. Aber ich habe ja auch nur ein kurzes Hundeleben.

Ich habe es ihm auf meine Art gedankt. 5 Jahre hatte er einen Laden in Straubing, und ich habe 5 Jahre lang brav hinter ihm von 10 Uhr bis 18 Uhr gelegen. Jedenfalls wenn wir nicht zu spät kamen.
Eine Uhr brauchte er nicht. Von 13 Uhr bis 14 Uhr war Mittagspause und ab 18 Uhr ging es nach Hause. Ich hatte das im wahrsten Sinne des Wortes im Urin. Von nun an waren wir immer zusammen. Ob das 6 Stunden Autofahrt nach Berlin waren, da lag ich genauso geduldigt neben ihm im Auto, oder tagelange Flohmärkte, die für mich immer interessant waren.
Von allem konnte ich die Nase richtig voll nehmen und meine Meinung dazu in handfesten Stücken auf die Straße legen. In den Wohnmobilen hatte ich vorne im Fußraum meinen Platz. Wenn es darauf ankam, besonders bei Herrchen zu sein, paßte mein Hintern auf ein 5 D-Mark Stück. Lange Fahrten waren kein Problem. Machte sich bei mir der letzte Drink bemerkbar, zwei Heuler in richtiger Stimmlage und schon war der nächste Parkplatz der unserige.

Wir hatten uns nicht nur gut ergänzt, der eine war genauso alleine wie der andere, sondern wir haben uns auch gut unterhalten. Sollte ich doch einmal zu undeutlich gewesen sein, so schaute ich ihm tief in die Augen, möglichst von Nahem und schon kam Herrchens Frage, " na Alter, wat isn los?" Sprang ich ihm dann mit beiden Beinen in seinen Bauch, wenn er mal wieder voll fett auf der Couch hing, war bei mir dringendes Pinkeln angesagt. Ansonsten reichte mein tiefer Blick und die Pfote auf sein Knie. Schon wurde die Tür nach draußen geöffnet. Drückte ich meinen Schinken an sein Bein, war mir eine Streicheleinheit gewiß. Schubste ich mit der Schnauze an seiner Hand, war ein längerer Verdauungsspaziergang erwünscht. Brannte die Luft oder hatte ich etwas gemacht, konnte ich das schon an seiner Tonlage hören, daß es besser war, kurzzeitig Hörprobleme zu haben und möglichst unauffindbar zu sein.

Als ich zum Herrchen kam, war ich schon 2 Jahre alt, also ein junger Mann. Niemand wußte, was ich gelernt hatte oder was in mir steckte. Die ersten Nacht im neuen Heim werde ich nicht vergessen. Da sollte ich doch draußen im anderen Zimmer schlafen.
Hat er gemeint.
Aber irren ist menschlich. Schließlich hätte ich auch ein Raubtier sein können, daß in der Nacht zur wilden Bestie wird. Aber alleine im fremden Haus zu schlafen war nicht mein Ding. Ich machte etwas, was ich später noch viele Male wiederholt habe. Jedenfalls bis ich endgültig aus dem Schlafzimmer herausflog. Wenn alles dunkel und lange Zeit alles ruhig war, steckte ich ganz leise die Nase durch die angelehnte Tür und guckte, ob Herrchen im Bett lag und die Augen geschlossen hatte. War das der Fall, schlich ich mich leise vor das Bettenende und rollte mich dort zusammen. Später hieß es dann " he, was machst du denn da". Nur bei der ersten Nacht, da rutschte ihm das Herz in die Hose. Das ich das so mache, wußte er ja nicht. Jedenfalls machte ich in der Nacht ein tiefen lauten Säufzer und plötzlich war er hellwach im Bett. Offensichtlich war er nicht mehr alleine im Zimmer. Nur... sehen konnte er mich vor dem Bett auch nicht*grins.


Es dauerte nicht lange und Herrchen wußte, wie das am Abend ablief. Die Tür konnte er nicht schließen, denn wenn ich mal für starke Hundemänner mußte, sollte ich ihn auch davor warnen können. Das lief problemlos. Die feuchte Hundeschnauze in das Gesicht stecken und schon hieß es, "ja ja, ist ja schon gut". An schwierigen Tagen sprang ich einfach mit den Vorderpfoten auf seine Brust. Jedenfalls mußte ich mich dann in ein anderes Zimmer auf ein Schaffsfell verdrücken, weil das Schlafzimmer nicht unbedingt nach Hund riechen sollte.
Wie hat er das bloß gemeint?


Irgendwann kam Herrchen dahinter, daß ich sofort aufsprang und herbeieilte, wenn er mit den Fingern schnippste. Die Kinder hatten ihren Spaß an einer Stelle auf den Boden zu trommeln, weil ich mich sofort dort hinwarf. Immer wieder. Und einmal aus einem bestimmten Zimmer herausgeworfen, betrat ich es nicht mehr. Das galt auch für die Küche. Da stand ich dann mit den Pfoten an der Schwelle und mein Riecher wurde immer länger, damit er möglichst weit in den Raum ragte, ohne die verbotene Zone zu betreten.
Wurden mir beide offenen Handflächen gezeigt, kam ich zum Schmusen. Das alles hatte ich schon gelernt und wurde bei mir per Zufall entdeckt.

Neu war für mich, daß ich niemanden anspringen durfte, aber mit der Brust schubsen. Meine Zunge hätte in seinem Gesicht nichts zu suchen, das würde Pickel geben und an der kurzen Leine wird nicht gezerrt. Ballspielen kannte ich nicht und habe das auch nicht gelernt.
Als der Winter kam und Schnee lag, ging es mit dem Schlitten raus. Nun bin ich ja ein Schlittenhund. Aber typisch Mensch, der denkt, daß ich auch etwas mit einem Schlitten zu tun haben möchte. Das Problem habe ich einfach gelöst. Ich im Zughalfter vor dem Schlitten, Herrchen hinten auf dem Schlitten. Ich stehe und er sitzt. Aber das konnte ich ändern. Immer wenn von hinten etwas gerufen wurde, kam ich zum Herrchen und setze mich neben ihn. Das machte ich solange, bis er irgendwann einen Anfall bekam und ich nie mehr vor einen Schlitten gespannt wurde. Mit dem Fahrrad war das anders. Daran hatte ich meinen Spaß. Das ging flott voran und war vor allen Dingen nicht so schwer. Da leuchteten doch die Hundeaugen, wenn das Fahrrad nur zum Vorschein kam.

Kleine Menschen kamen gerne zum "Ai-machen".

Kinder waren für mich das Größte. Je mehr desto besser. Eben wie ein richtiges Rudel. Leider war die Zeit immer nur beschränkt, aber wenn es möglich war, lag ich mitten drinne im Geschehen.
Ich habe sogar geholfen mit den Bauklötzern Türmchen zu bauen, na moralisch jedenfalls. Der Abbau war da schon eher mein praktischer Teil.

Es gab für mich viel zu erleben. Ich bin Boot gefahren, konnte Löcher buddeln, liebte die Geräusche und Lichter von Volksfesten, war viele Tage mit Herrchen in den Städten plakatieren und habe mich dabei an das Pinkelverbot gehalten. Soviel Zeit hätten wir nicht, außerdem war Herrchen immer ungehalten über seine nassen Schuhe.

Silvester war ich hautnah dabei. Während sich die "Schmalspureckenpisser" unter den Tisch verkrochen, weil es knallte, erkämpfte ich mir einen Platz am Fenster. Jeder hat so seine Leidenschaft. Fußball und Autorennen quälten mir nur ein Gähnen ab. Aber Katzen, große, kleine, flinke, lahme, kastriert oder nicht, waren mein Ding. Jedenfalls in jüngeren Jahren, wie das nun mal so ist. Irgendwann gerät man bei den Dingen, die man nicht tun sollte, an den Falschen. Bei mir war das eine Metzgerkatze. Enormes Kampfgewicht, gefeilte Barthaare und angriffslustiger Blick. Jedenfalls habe ich mein Glück versucht. Die blieb aber sitzen! Noch einen Schritt vorwärts und der Mäusefänger springt mir auf die Nase, krallt sich fest und pinkelt mich an. Von da an war ich geheilt. Blieb die Katze sitzen, tat ich das auch. Könnt ihr euch vorstellen, wie entsetzlich Katzenpippi stinken kann?
Und das auf meiner empfindlichen Nase?

So verlief mein Hundeleben, das keines war. Na ja, etwas mehr Spazierengehen hätte schon drinne sein können. Dafür war ich aber nie alleine. Mit der Zeit kam das Alter. Ihr Menschen kennt das ja. Die Pumpe will nicht mehr so, gefressen wird weniger, aber dafür feiner, der Stuhlgang wird schwieriger und mit dem Hören klappte das auch nicht mehr so. Das Laufen fiel mir schwerer und dann kam der erste Schlag. Nun lief ich manchmal im Kreise, schwankte und kam in kein Auto mehr. Ein Plätzchen auf einem Schaffsfell war das Beste, möglichst in der Nähe von Herrchen und ein bißchen gekrault werden. Mal ein Leckerli hier ( Hähnchenbrust mit 2% Fettanteil), mal ein Leckerli da (Putenbrust im Sud gegart, ohne Möhren) und in aller Ruhe die Hundezeitung lesen können, was der Nachbar so fallen gelassen, äh zu sagen hat. Die Tage werden ruhiger, der Gang zum Tierarzt notwendig und aufspringen ist auch nicht mehr möglich.

Nun war eher getragen werden angesagt. Herrchen schleppte mich zum Pinkeln, zum Saufen, zum Schlafen, ins Auto, die Treppen rauf und runter oder auch einfach in die Botanik. Die Rückwege war ich dann schon eher auf seinem Arm. Ich schnaufte vom Laufen, er vom Tragen*Grins.


Ein alter Bekannter von mir, der Fuchs, erzählte dem Kleinen Prinzen, als er die Planeten besuchte, daß man für das zeitlebens verantwortlich ist, was man sich vertraut gemacht hat. Also war er immer für mich da. Wenn ich rief, kam auch Hilfe. Wie da so ist, bei alten Männern, nachts müssen sie raus, auch mehrmals. Also wurde ich auch zu Zeiten geschleppt, an denen man ansonsten mein Herrchen lieber nicht ansprechen sollte. Aber ein richtig nasser Teppich ist ein gutes Überzeugungsargument. Nun war ich ein alter Hund. Immerhin so ca. 90 Menschenjahre alt.

Dann kam der zweite Schlag. Nun konnte ich nicht mehr aufstehen, gehen oder im Stehen pinkeln. Das war für alle eine schlimme, schlimme Zeit. Ich bin doch ein Hund. Als Hund lebe ich nicht von der Vergangenheit, nicht für die Zukunft, sondern nur für die Gegenwart.

Es war die Zeit gekommen, mich zu verabschieden.

Es war die Zeit gekommen, daß für uns alle eine neue Zeit beginnt. Für mich im Hundehimmel und für Herrchen ein neuer Lebensabschnitt. Ich hatte genau in die Zeit gepaßt, als er mich brauchte und ich ihn. Mehrere Tage lang fraß und trank ich nicht mehr. Zum Tierarzt war ich nur das erste Mal gerne gegangen. Da gab es soviel andere komische Wesen zu treffen, mit Federn und Schlappohren.
Dann bin ich nicht mehr gerne hingegangen. Die Umstände waren für mich im Schnitt nicht vorteilhaft. Erst hat mich Herrchen immer dort hingeschleppt, nun wollte er aber nicht mehr.

Wieder war ich ein braver Hund und habe ihm diesen "letzten Gang" zum Tierarzt erspart, wovor er sich immer so sehr fürchtete. Ich habe mich zuhause auf mein Schaffsfell hingelegt und gezeigt, daß ich an der Hundehimmelstür klopfe. Wie das aussieht, kannte er von früher von anderen Tieren.

Ein Hemd von ihm vor meiner Nase und seine Hand kraulend an meinem Ohr verließ ich diese Welt. Für ihn wird dieser Tag, 18. Mai 2006, 16 Uhr unvergeßlich bleiben.

Nun geht es mir gut. Ich habe keine Schmerzen mehr, treffe alte Bekannte wie Nachbars Hund ,und ich werde euch jedes Jahr einen Gruß schicken.

Wie das geht?

Herrchen hat die Himmelstür natürlich direkt neben sich gegraben, gleich links, neben seiner Rentnerbank im Garten. Für die Reise habe ich unter mir und über mir ein Schaffsfell und ganz oben drauf ist ein großer Busch gepflanzt. Jedes Jahr im Mai, wenn der Strauch viele schöne Blüten zeigt, dann denkt daran, daß ist mein Gruß an euch. Dann kann ich euch eine kleine Freude bereiten ,und ihr denkt an mich.

Ich sage euch allen Danke für die Streicheleinheiten, die Chicken McNuggets, für das Spazierengehen auf dem Flohmarkt, die Wurststückchen vom Nachbarn und viele Schnüffelstunden. Seid nicht so traurig, mir geht es gut.

Und nun möchte ich mit den anderen Spielen gehen. Wenn ihr abends besonders zwei helle Punkte am Himmel sehen könnt, dann gucke ich euch gerade wieder tief in die Augen.
Lebt wohl.


Euer Marco

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