Panorama Meldung vom 04.09.2009, 11:17 Uhr

Dies ist ein Bericht der Mittelbayerischen Zeitung.
Er trifft den Kern der Flohmarktsituation, besonders Neutraubling (seit 2007 kein MIGA Markt mehr).


Die Jagd nach dem Trüffel im Trödel
Von Isolde stöcker-Gietl, MZ

Ein Sonntagmorgen auf dem Flohmarkt in Donaustauf: Schon um 5 Uhr beginnt die Suche nach den Schätzen. Zwischen Porzellan und Bücherkisten findet sich aber nur noch selten etwas Besonderes.

Das Fell des Bären ist filzig und an manchen Stellen dünn. Ein Teddy, der vor vielen Jahren einmal sehr geliebt wurde. Nun ist er auf dem Flohmarkt gelandet, zwischen Porzellanfiguren, Bücherkisten und alten Postkarten. Sein Glück, dass er einen Knopf im Ohr hat und als Sammlerstück gilt. Wer weiß, was sonst mit ihm passiert wäre. 60 Euro will der Flohmarkt-Händler dafür haben. „Ein bisschen handeln geht noch“, fügt er augenzwinkernd hinzu.
Die ersten Sammler wühlen schon im Morgengrauen mit Taschenlampen in den Kisten

Flohmarkt in Donaustauf, wie jeden zweiten Sonntag im Monat. Schon am frühen Morgen sind die Parkplätze rund um den Volksfestplatz Mangelware. Aus Cham, aus Kelheim und selbst aus Weiden reisen die Sammler zum ältesten Flohmarkt in der Oberpfalz. Um 5 Uhr morgens sind die ersten da. Wenn die Händler ihre Stände aufbauen, Kisten mit altem Silberschmuck und Granatstein-Broschen hervorholen, Omas gutes Service auf roten Samtdecken zurechtrücken und Zinnfiguren polieren, dann huschen schon die ersten Neugierigen mit Taschenlampen über den Platz. Sie leuchten in Kisten, nehmen die Ware auf den Tapeziertischen in Augenschein und werfen auch einen Blick in den Kofferraum – es könnte ja noch ein Trüffel in all dem Trödel zum Vorschein kommen. „Ein echter Flohmarktgänger ist vor Sonnenaufgang da, nur dann hat er die Chance auf ein Schnäppchen“, weiß Ferdinand Kerscher. Er muss es wissen, denn er war der Mitbegründer des Flohmarktes und betreibt bis heute einen Stand. „Als wir hier vor 27 Jahren anfingen, da war der Handel mit Trödel noch etwas Ungewöhnliches. So etwas hat es in der ganzen Gegend nicht gegeben.“

Heute finden in Deutschland 40000 Flohmärkte statt, die von rund 180 Millionen Besuchern bevölkert werden. Bis zu vier Millionen Menschen machen sich jedes Wochenende auf Schnäppchenjagd. Das Jagdfieber zieht sich dabei durch alle Bevölkerungsschichten. Vom Hartz IV-Empfänger der sich einkleiden will, bis zum Arzt, der Silberbesteck, Mokkatassen oder Münzen sammelt. Geschätzte zwei Milliarden Euro werden auf Flohmärkten im Jahr umgesetzt.

In Donaustauf ist es 8 Uhr geworden und immer mehr Menschen strömen durch die schmalen Gänge. Auch viele Familien sind darunter. Während die Mütter in Bergen von Kinderbekleidung wühlen, sichtet der Nachwuchs Pokémon-Sammelkarten, Diddl-Briefpapier und verlangt nach einer Bibi-Blocksberg-CD. Auch am Stand von Petra Holzbauer und ihren Freundinnen türmen sich ausrangierte Spielsachen und Bücher. „Meine Kinder sind aus dem Alter raus, jetzt suchen wir neue Besitzer.“ Mit einer Kellerentrümpelung hat bei Petra Holzbauer vor über zehn Jahren die Flohmarkt-Leidenschaft angefangen. „Heute hat unsere Gruppe einen Stammplatz in Donaustauf.“ Verkauft wird dort nicht nur der eigene Trödel, sondern auch alles was im Bekanntenkreis nicht mehr gebraucht wird.
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Der Markt in Donaustauf gehört noch zum alten Schlag, hat einen überschaubaren Rahmen und viel klassisches Sammler-Publikum.

Ganz anders läuft es auf den Riesen-Flohmärkten, die regelmäßig auf Großparkplätzen vor Einkaufszentren oder Möbelhäusern stattfinden. Der Trend geht zum Multi-Kulti-Basar, wo es neben Trödel auch viel Fabrikneues aus Fernost gibt.
So etwa in Neutraubling jeden dritten Sonntag im Monat auf dem Globus Parkplatz. ...

Es herrscht nicht die klassische Trödel-Atmosphäre, es geht eher zu wie auf einem Multi-Kulti-Basar. Denn hier wird so ziemlich alles verkauft. Neben Gebrauchtwaren auch Kleidung und Plastikspielwaren fabrikneu aus Asien, dazu Werkzeuge, Handys, Computerspiele, ja sogar Wurstwaren, Obst, Kekse und Schokolade. Drei Packungen Kekse für einen Euro – da greifen viele zu.

Auf dem Dultplatz in Regensburg findet regelmäßig der größte Drei-Tage-Flohmarkt der Oberpfalz statt (nächster Termin: 2. bis 4. Oktober 09). Doch hier möchte man jenen Ramsch-Charakter vermeiden und verbietet deshalb den Verkauf von Neuwaren. Unter den Händlern und Besuchern erfreut sich der Markt gerade deshalb großer Beliebtheit.

„Das Internet-Auktionshaus Ebay ist für die Flohmärkte zu einer großen Konkurrenz geworden.“
Dennoch klagt eine Sammlerin, dass „die Flohmärkte ihren Reiz verloren haben“
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Es sei zu viel „Billig-Ware“ und zu wenig hochwertiger Trödel zu finden. Zudem werde es schwieriger, tatsächlich mal ein schönes Stück zu einem angemessenen Preis zu ergattern.
Auch Ferdinand Kerscher sieht diese Entwicklung. Die Zeiten, in denen man auf dem Flohmarkt Kurioses oder sogar Wertvolles entdeckte und dafür nur ein paar Mark bezahlte, seien vorüber, sagt der 72-Jährige. Das hänge auch mit dem Internet zusammen. „Ebay ist zu einer großen Konkurrenz geworden.“ Statt um den Preis einer Ware zu feilschen, wird er dort in horrende Höhen getrieben.

Für Carla-Iris Lux aus Ulm kommt dennoch ein Flohmarkt via Maus-klick nicht in Frage, auch wenn sich dort vielleicht so manches Stück gewinnbringender verkaufen ließe. Aber darum geht es der Rentnerin und ihrem Mann nicht. Sie lieben diese einzigartige Atmosphäre und das bunte Publikum auf dem Trödelmarkt. Wenn Carla-Iris Lux am frühen Morgen aus ihrem Wohnwagen steigt, ihren Tisch mit einer Decke schmückt und dann sorgfältig ihre Porzellanfiguren, die Vasen und die Schmuckkästchen darauf platziert, ist sie glücklich. Sie freut sie sich auf die vielen Gespräche, auf Fachsimpeleien und vielleicht auf ein eigenes Schnäppchen bei einem der anderen Anbieter.
„Jedes Wochenende fahren wir auf einen Flohmarkt. Von April bis Oktober.“ Die Einnahmen spielen dabei eine Nebenrolle. „Für uns ist das einfach ein schöner Zeitvertreib, egal ob wir etwas verkaufen oder nicht.“

Auf dem Donaustaufer Flohmarkt sind die Geschäfte für diesen Tag beendet. Was nicht verkauft wird, wird wieder eingepackt. Auch der filzige Teddy ist noch immer da. In der kommenden Woche wird ihn sein Besitzer wieder aus der Kiste holen. Dann auf einem anderen Trödelmarkt.

MIGA Anmerkung:
Die Trödler und die MIGA GmbH bedanken sich für diesen gelungenen und zutreffenden Bericht über die aktuelle Flohmarktsituation in Ostbayern. Vielleicht sieht Globus Neutraubling nun doch langsam Handlungsbedarf und gibt den Trödlern den alten MIGA Flohmarktspaß wieder zurück.

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